Im Gespräch mit Lifeline-Autor Dave Justus

Von Annette Neeb am 18/12/2016 in Neues aus dem Teich gepostet

Lifeline Title

Wieviel von Dave Justus steckt in Taylor?

Auf die Antwort zu dieser Frage war ich sehr gespannt, als der Erfinder des ersten Helden der beliebten Lifeline-Reihe Anfang Dezember bei Big Fish Games zu Besuch war. „Er ist Taylor“, sagt Lifelines Lead Producerin Marisa Bell, doch Autor Dave Justus lacht nur verschmitzt und lässt die Aussage unkommentiert. Eins ist allerdings sicher: Von jedem Autor steckt zumindest ein bisschen in den Figuren,  die er erfindet. Das bleibt nicht aus, wenn man sich so intensiv mit einer Figur beschäftigt, wie Dave Justus.

Jedes Taylor-Abenteuer besteht aus rund 60.000 Worten – alle wohlüberlegt und auf ihren Helden zugeschnitten. Das entspricht mindestens zwei Kinofilmen. Allerdings bestehen die Lifeline-Abenteuer ausschließlich aus Dialogen. Ein Kinodrehbuch enthält daneben viele szenische Beschreibungen und in der Regel auch Szenen, in denen der Hauptdarsteller nicht vorkommt. Taylors Abenteuer dagegen sind 100% Taylor. Halt! Natürlich nicht ganz, denn ihr, die treuen Spieler, tragt mit Euren Entscheidungen natürlich auch zum Inhalt bei.

Optisch wirkt Dave Justus eher wie der große Bruder von Taylor, oder wie ein typischer Autor: Unauffällige Klamotten, unauffällige Brille, ungekämmt, ein paar vereinzelte Stoppeln ums Kinn, staubtrockener Humor auf den Lippen und das Laptop immer in greifbarer Nähe.

Meine erste Frage, was einen guten Lifeline-Autor ausmacht, erwischt ihn unvorbereitet und er muss erst einmal nachdenken. Doch dann kommt er in Fahrt: Flexibilität ist eine der wichtigsten Eigenschaften beim Schreiben der Taylor-Abenteuer. Die Geschichten verästeln sich in unzählige Stränge. Und jeder Strang bietet wieder zwei oder drei neue Möglichkeiten. Deshalb ist es kaum möglich einer vorher entwickelten Outline, also einem vorher skizzierten Geschichtsabriss, zu folgen. Natürlich hat Dave Justus einen groben Verlauf der Story im Kopf, wenn er loslegt, aber am Ende entwickelt sich doch alles sehr viel anders, als selbst er es erwartet hat. Wenn er erst mal in die Tasten haut, dann fließen ihm die Ideen und Worte nur so aus den Fingern. Selbst das Essen vergisst er dann, gibt er grinsend zu.

Ansonsten hat er kein besonderes Ritual, um seine Kreativität anzukurbeln. Allerdings hört er beim Schreiben gerne Musik – nur Instrumentalstücke (Brian Eno z.B.), denn Musikstücke mit Text lenken ihn zu sehr ab. Wenn er trotzdem mal steckenbleibt, dann tauscht er sich mit seinen Autorenkollegen Daryl Gregory und Matthew Sturges aus. Die drei kennen sich schon seit halben Ewigkeiten und sind nicht nur Kollegen, sondern auch richtig gute Freunde. Sie helfen sich gegenseitig auf die Sprünge, wenn sie nicht sicher sind, in welche Richtung ein Strang gehen soll, oder ob eine Geschichte funktioniert. Aus Matthew Sturges Feder stammt übrigens der Lifeline-Ableger „Crisis Line“ und Daryl Gregory, der Dave Justus zu Big Fish Games begleitet hat, ist der Autor von „Lifeline: Flatline“.

Ich bin sehr überrascht, als Justus erzählt, dass die drei Autoren die einzelnen Geschichten nicht zusammen entwickeln und schreiben. Aber deshalb haben ihre Werke auch alle eine ganz eigene Handschrift: Sturges „Crisis Line“ ist ein klassischer Whodunnit-Krimi mit einem bärbeißigen Detective, der sich ziemlich schräg entwickelt, als die Grünen ins Spiel kommen. Gregorys „Flatline“ ist ein blutrünstiges Horrorabenteuer mit einer unglaublich spannenden Heldin. Dave Justus Outer Space-Abenteuer dagegen leben von ihrem unverwüstlichen Nerd-Helden Taylor, den man einfach gern haben muss und den vielen Anspielungen auf Filme und Musik. Aber soviel sei schon mal verraten: Die meisten dieser Figuren treffen  in den zukünftigen Lifeline-Abenteuern vielleicht aufeinander. Wie das gehen soll? Dave Justus grinst: In den Köpfen von Autoren und auf dem Papier ist alles möglich.

Seine Frau hat übrigens alle seine Lifeline-Abenteuer gespielt, um stets auf dem Laufenden zu sein. Dazu gehören nicht nur die drei Taylor Abenteuer „Lifeline“, „Stille Nacht“ und das brandneue „8 wie unendlich“, sondern auch „Lifeline 2“ mit der eigenwilligen Heldin Arika. Das Interesse seiner Frau an seiner Arbeit freut Dave Justus riesig, genau wie die Tatsache, dass er endlich vom Schreiben leben kann. 2014 konnte er seine Brot und Butter-Jobs an den Nagel hängen, um sich ausschließlich seiner Arbeit als Autor zu widmen – das verdankt er u.a. auch dem Erfolg von Lifeline. Davor hat er neben dem Schreiben in Comicbuchläden gearbeitet und Comicbücher lektoriert, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wichtig war ihm bei der Auswahl der Jobs immer, dass er stets nah dran ist an seinem Traumberuf.

Neben Lifeline schreibt er weiterhin Comics und seit einiger Zeit auch an einem Roman. Was er sich für die Zukunft wünscht? Dass sein Buch mindestens so erfolgreich wie die Lifeline-Serie wird, lacht er. Und dass er morgens öfter der Versuchung widerstehen kann, länger im Bett zu bleiben, seit er im heimischen Büro arbeitet. Schließlich schreiben sich die nächsten spannenden Taylor-Abenteuer nicht von alleine.

Und dann sind die 15 Minuten, die für unser Gespräch angesetzt waren, auch schon vorbei und es ist Zeit für Dave Justus, sich auch auf den Weg zum Flughafen zu machen. Vielleicht steigt er ja auch heimlich in ein Raumschiff und startet zu seinem nächsten Abenteuer im Weltall. Würde mich nicht wundern, denn ich finde, es steckt doch mehr von Dave Justus in Taylor, als ich beim ersten Aufeinandertreffen dachte.

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